Höhlentauchen in Norwegen cave dive Norway

Hier ein bemerkenswerter Bericht von Georg Stauch zu einem Tauchgang in einer Höhle in Norwegen, nicht weit vom Polarkreis.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Erstbetauchung

This is a story of Georg Stauch´s first dive in a remote cave in Norway, which most probably has never been dived before.

I´ll try to give a short summary of this interesting dive ASAP

Höhlentauchen, 70° Nord

Zusammenfassung:

Betauchung einer Karstquelle namens “BUBBEL`N”, in Norwegen, in der Nähe von
Alta.

Summary:

Diving a karstic source, named “BUBBEL`N”, in Norway, near Alta.

70° nördliche Breite, das ist ungefähr so nördlich, wie die Mitte Grönlands,
oder die nördlichste Grenze Alaskas! Island liegt von hier aus gesehen schon
fast Richtung Norditalien…

Aber keine Angst, das Ganze findet in Europa statt, bei vergleichsweise
“harmlosen” Temperaturen.

Bei meinen Recherchen über meinen Urlaub in Norwegen stieß ich auf eine
Karstquelle mit dem eigentümlichen Namen “BUBBEL`N” (manchmal auch einfach
“Bubbeln” geschrieben).

Diese Quelle liegt etwas westlich von Alta, im Tal des Bognelv. Google-Earth
gibt für diese Stelle folgende Koordinaten an: 69° 59′ 39,10” N      22° 20′
48,57” E

Die Überschrift übertreibt also um Haaresbreite…

Wer nun etwas geologische Vorbildung hat, und Norwegen ansatzweise kennt,
wird sofort wegen des Wortes “Karstquelle” Bedenken haben, aber es handelt
sich offensichtlich tatsächlich eine solche Quelle. Auch ich hatte solche
Bedenken, auch nach Betrachtung der geologischen Karte. “Glimmerschiefer”,
das hört sich nicht gerade erfolgversprechend an, wenn man nach Höhlen in
verkarstungsfähigen Gesteinen sucht…

Das Bognelvdalen (Tal des Flusses Bognelv) zweigt am Ende des Langfjorden
nach Süden ab. Hier fährt man geraume Zeit hinein, bis man an einem
Hinweisschild zu der Quelle steht. Von hier ab sind es ca. 15 Minuten, steil
einen Pfad hinauf bis zum Quelltopf. Die “15 Minuten” sind “individuell” zu
sehen. Ich habe es in dieser Zeit zwar geschafft, aber das nur mit einer
Taucherbrille bewaffnet.

Zuerst wollte ich nämlich die Machbarkeit der ganzen Unternehmung
feststellen.

Am Quelltopf angekommen, stellte sich dieser folgendermaßen dar: der Topf
hat einen Durchmesser von 10 bis 12 Metern, bei einer Tiefe von etwa 50 cm.
Bergseitig tritt die Schüttung sichtbar, in einer Reihe von “Pilzen” an der
Oberfläche zutage. Die Strömung kommt an der Grenze des anstehenden Felsens
und den Geröllbrocken heraus, welche auch den Grund des Quellteichs bilden.
Die Schüttung betrug geschätzte 700 Liter / Sekunde. Das Wasser verlässt den
Quelltopf, und stürzt über einen Wasserfall Richtung Tal. Dieses Wasser
speist dann zum Teil den Fluss Bognelv.

An einer Stelle des Quelltopfes trat das Wasser am stärksten hervor, hier
sah ich auch eine Chance, zwischen den Steinen nach unten durchzukommen.
Taucherbrille aufgesetzt, legte ich mich auf die Felsen am Ufer, und warf
einen Blick in die Spalte, die sich zwischen dem anstehenden Fels, und den
Geröllblöcken auftat. Das Wasser war überraschend “warm”! Die Temperatur lag
bei gut 11°C, wie sich später herausstellen sollte. Das hatte ich eigentlich
nicht erwartet, ich werde diese Tatsache am Schluss des Berichtes noch
einmal aufnehmen. Die erste Einsicht war erfolgsversprechend! Aber
eigentlich nur erfolgsversprechend, wenn man schon mehrmals dementsprechende
Höhleneingänge freigegraben hat… Auch der anstehende Fels:
Glimmerschiefer! Kann sich hinter den Blöcken wirklich eine befahrbare Höhle
befinden? Auch fehlte dem Wasser der typische “Blaustich”, den Karstquellen
normalerweise haben. Wenn das mal keine Lachnummer wird!

Egal! Ich wollte die Betauchung wagen! Wieder drunten im Tal habe ich mich
komplett aufgerödelt. Nasstauchanzug, Doppel-5Liter independent, Helm mit
Geleucht, üblicher Krempel. Mit Gerät dehnten sich die 15 Minuten Aufstieg
etwa auf das Doppelte, endlich stand ich schweißüberströmt am Quelltopf.

Ich begann zuerst ohne Gerät mit der Beräumung des Einganges im Bereich nahe
der Wasseroberfläche. Etliche Steinbrocken räumte ich auf Seite, so dass
sich ein ansehnlicher Spalt auftat. 50 x 30 cm schätzte ich, das sollte
physisch und psychisch eigentlich reichen. Nur ein großer, instabil
erscheinender, etwa 200 kg schwerer Steinbrocken bereitete mir noch Sorgen.
In einem Gewaltakt konnte ich diesen aber etwas auf Seite bewegen, und mit
weiteren Steinen dort sicher verkeilen. Diese Lösung erschien mir stabil
genug, um mit dem Tauchversuch beginnen zu können.

An ein Aufsetzen des Rückengerätes war nicht zu denken, ebenso trug der
Bleigurt eindeutig zuviel auf. Und warum habe ich eigentlich die Flossen
mitgenommen? Ich steckte die Beine in das Loch, verkeilte sie dahinter, und
zog mich so zentimeterweiße gegen die starke Quellströmung in den Spalt
hinein. Mit Presspassung und Körperflexibilität ging es lansam,
erfahrungsgemäß sollte mir aber beim Austauchen die Strömung durch diese
Engstelle helfen. Das Gerät zog ich frei hinter mir her.

Nach dieser Engstelle konnte ich mich umdrehen, und blickte in einen
ansehnlichen Gang, der sich schräg nach unten zog! Wow! Blick frei bis zur
nächsten Kurve, die Sichtweite lag bei schätzungsweise 40m, nur war der Gang
nicht auf diese Strecke gerade.

Ich sortierte mein Tauchzeugs. Da sich eine weitere Engstelle andeutete,
behielt ich das Gerät in der Hand. Leine drin? Nein, keine Leine drin! Also
die Führungsleine im Eingangsbereich festgemacht, und den Gang runter.
Dieser Gang zog sich in einem Winkel von etwa 35° nach unten. Gangbreite 4
bis 6 Meter, Ganghöhe (jeweils höchste Stelle) 0,5 bis 1,8m. Die Decke
bestand immer noch aus Glimmerschiefer, der Boden war im Eingangsbereich
noch mit rundlicherem Geröll bedeckt, später dann mit plattenförmigen
Blöcken aus Glimmerschiefer. Dieser Glimmerschiefer machte einen
“ausgezehrten” Eindruck, und die Oberfläche bröselte bei Berührung leicht
ab. In den Wänden wurden jetzt hellere Gesteinsbänke sichtbar. Diese,
hellbraunen bis cremebeigen Bänke machten auf mich den Eindruck wie
schmutziger Marmor. Dies könnte durchaus verkarstungsfähig im Sinne von
Korrosion sein! Fließfacetten und dergleichen waren nicht zu sehen. Ich
tauchte tiefer hinab, und passierte eine flache Stelle die als größte
Raumhöhe etwa 0,5m, in der Breite etwa 6m hatte. Zwei etwa 25cm lange Fische
entdeckte ich hier, Bachsaiblinge waren es. Wie kamen die hierher?

Bei knapp -18m ging der Boden dann in einen dunklen Sandgrund über, und die
Decke senkte sich bis auf etwa 20cm über diesem Untergrund. Der Sand bestand
aus feinenTeilen zerriebenen Glimmerschiefers. Wie ich noch in diese
Engstelle hineinschaute, trieb mir ein Birkenblatt mit der Strömung
entgegen.

In Anbetracht der Abgelegenheit des Tauchplatzes, und der Einsamkeit hinter
der kritischen Engstelle, setzte ich hier meinen Umkehrpunkt. Mit
Grabungsarbeit und dementsprechender Absicherung gegen Nachrutschen des
Sandes, wäre hier vielleicht ein Weiterkommen denkbar. Ich trat den Rückweg
an, und prägte mir noch Details für eine Grobsskizze (Kroki) ein. Das
Passieren der Engstelle verlief problemlos, wenn man einmal davon absieht,
dass das Durchspülen eines Tauchers mit abgenommenem Gerät durch hautenge
Geröllbrocken durch, sicherlich nicht zum “richtigen” Höhlentauchen
gehört…

Draußen vor der Höhle ließ ich den Tauchgang noch geraume Zeit Revue
passieren, die Sonne zauberte durch den Birkenhain eine herrliche Stimmung.

Gedanken über die Höhle und die Speleogenese:

-          Die Geologische Karte (Berggrunnkart over Norge) sagt für diesen
Bereich aus: “Kalkglimmerschiefer, Dolomit, Grünstein, aus dem Präkambrium,
kaledonisch überprägt”. Dies lässt die Möglichkeit einer Karsthöhle,
entstanden hauptsächlich durch Korrosion, zu.

-          Ich halte diese Karstquelle für eine Resurgenz
(Wiedererscheinung), die das Wasser von der Oberfläche des Fjells hier
wieder austreten lässt. Begründung: 1. Das Wasser ist warm. 11°C entsprechen
sicherlich nicht der mittleren Jahrestemperatur, die Karstwässer im
allgemeinen aufweisen. Das Wasser, beispielsweise der “Pluragrottan”
(betauchbare Höhle in der Nähe von “Mo i Rana”), war deutlich kälter. Somit
nehme ich an, dass dieses Wasser der “Bubbel’n” an der Erdoberfläche von der
Sonne erwärmt wurde, und dann durch eine Schwinde in die Höhle gelangt. 2.
Das Wasser hatte einen leichten Stich ins Braune, typisch für die von den
vermoorten Flächen ablaufenden Wässer. 3. Das beobachtete Birkenblatt könnte
ein Indiz für einen Wassereintrag auf dem Fjell sein, der geräumig genug für
ein solches Objekt (Blatt) ist.

-          Für die Korrosivität des Höhlenwassers könnte auch die Tatsache
verantwortlich sein, dass es sich möglicherweise um vermoortes
Oberflächenwasser handelt. Dies ist auch ohne Aufnahme von Kohlendioxid
sauer. Ob dies der Hauptgrund für eine korrosive Entstehung der Höhle sein
könnte, bleibt vorerst offen.

-          Ob die Fische von stromaufwärts stammen, und auf natürliche Weise
in die Höhle gelangt sind, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht wurden sie
auch im Quelltopf eingesetzt. Das Vorhandensein von Fischen scheint mir
jedoch ein Hinweis für die stetige Wasserfüllung der Höhle (kein Austrocknen
im Winter bei strengem Frost) zu sein.

-          Zwar wollte ich eine Gesteinsprobe aus den hellen Bänken in der
Höhle mitnehmen, diese habe ich jedoch beim Durchtauchen der Engstelle
wieder fallen lassen. Eine ähnliche Probe aus der benachbarten Schlucht,
zeigte mit Salzsäure ein leichtes Aufbrausen.

-          Die Höhle befindet sich offenbar in einem durch Korrosion
löslichen Gestein (Marmor, Dolomit, oder dergleichen), die Decke besteht aus
nicht- oder schwerer löslichem Glimmerschiefer. Aus was der Boden der Höhle
(unter dem Geröll) besteht, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten,
vermutlich jedoch Glimmerschiefer, ähnlich wie die Decke. Diese “Bauweise”
(Glimmerschiefer als Decke, dann Marmor o.ä.) findet sich in etlichen Höhlen
Norwegens wieder: Grönligrottan, Saetergrottan, Pluragrottan, usw.

-          Eine Ortsbegehung des Wassereinzugsbereiches auf den Fjell habe
ich noch nicht gemacht. Aufgrund der Steilheit des Geländes ist es
sicherlich problematisch, überhaupt dorthin zu gelangen. So eine Begehung,
und evtl. eine Wasserfärbung, könnte Klarheit in die Herkunft des
Höhlenwassers bringen.

Anmerkung:

Das Tauchen in der “Bubbel’n” ist aufgrund der Abgelegenheit und der
räumlichen Enge kritisch zu betrachten! Das ist scheißndreckseng, und die
Geröllbrocken sind sicherlich auch nicht für alle Zeit als stabil anzusehen!
Jeder Höhlentaucher ist für sich selbst verantwortlich!

Allgemein ist beim Tauchen in norwegischen Süßgewässern zusätzlich folgendes
zu beachten: Es gibt dort stellenweise Gewässer, in denen es Lachsparasiten
(Gyrodactilus Salaris) gibt. Um zu vermeiden, dass diese Parasiten in andere
Gewässer eingeschleppt werden, muss (!) die Tauchausrüstung dementsprechend
desinfiziert werden, um dort ohne Erschießung durch den Gewässereigner
Tauchen zu können! Ich selber habe dies jeweils mit einer Chlorbrühe
gemacht, möglich wäre auch eine Erhitzung des Tauchgerödels in der Sauna auf
über 60°C.

Schlussbemerkung:

Für mich war dies alleine schon aufgrund der Örtlichkeit ein höchst
eindrucksvoller Tauchgang.

Die Geologie dort ist äußerst spannend, und hat keinerlei Ähnlichkeit mit
den Voraussetzungen, in denen sich bekanntere Tauchhöhlen befinden.

Die abgelegene Lage, das Freiräumen des Eingangs vor dem Tauchgang, die
Unberührtheit des Höhleninneren, und nicht zuletzt fehlende Berichte
hierüber, legen für mich die Vermutung einer Erstbetauchung nahe.

Blubb

Georg Stauch

9. September 2010 Allgemeines

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